Sonntag, 16. Februar 2020

Vortrag Dr. phil. Annie Berner, Psychotherapeutin FSP, Mitglied Klima-Grosseltern

Klimablind, Bewusstseinswandel wie?

Zusammenfassung des Vortrags von Dr. phil. Annie Berner-Hürbin, Psychotherapeutin FSP, am 7. Februar 2020 in Luzern

Die Klimakatastrophen folgen und überbieten sich. Wir reagieren darauf im Robotermodus mehr denn als Menschen. Gewohnt, durch die Naturwissenschaften und die Technik materialistisch zu denken, haben wir unser feinstes und empfindlichsten Wesen, unsere Psyche oder Seele

vernachlässigt, dem Gegenstand der Humanwissen-schaften. Statt uns mit unseren Fähigkeiten zu lieben, zu leiden und zu helfen zu beschäftigen, entwickeln wir Liebespillen und virtuelle Welten. Durch unsere Technologien und unsere finanziellen Mittel glauben wir, ewig wachsen zu können. Alles, was unser Lustbedürfnis behindert, wird verdrängt und verleugnet. Dies geschieht auf drei Ebenen.

Kollektive Verdrängung: Unsere politischen und wirtschaftlichen Führer versichern uns, dass keine Sorge um das Klima am Platz ist. Dies erinnert uns an die totale Verdrängung des Holocausts an Juden und Armeniern, und, uns näher, die Verdrängungen nach dem Franco-Regime, dem Schicksal der Kurden und Rohingyas, um nur einige zu nennen. Aleida Assmann zeigt uns, dass nicht aufgelöste kollektive Verbrechen auch die Folge-Generationen treffen. So zeigte auch die dritte Generation der Holocaust-Überlebenden posttrau-matische Störungen ihrer Grosseltern. Auch für das Klima braucht es einen kollektiven Bewusstseinswandel. Uns sollte man nicht vorwerfen können, wir hätten von allem nichts gewusst.

Familiäre Verdrängung: Auch in den Familien werden manche Geisteskrankheiten, Pleiten, Verbrechen, Zwistigkeiten, Gewalt und sexueller Missbrauch verdrängt. Bei Abdankungen werden negative Erinnerungen tunlichst vermieden, gewissermassen ein familiäres Reinwaschen der Gewissen. Die auf die nächsten Generationen abgeschobenen Verletzungen entsprechen dem „Familienfluch“ des antiken Theaters. Unsere loyalen Bindungen erschweren klare Taten, z.B. wenn ein familiärer Ferienflug mit dem Klima kollidiert.


VerdrängungPersönliche : Die Verdrängung ist zunächst ein Schutzmechanismus des kleinen Kindes, seine Existenz, ja sein Überleben zu sichern, da es gänzlich von seiner Familie abhängt. Schwere und wiederholte Verletzungen wie sexueller Missbrauch werden oft bis ins Erwachsenenalter verdrängt und haben Störungen zur Folge, die lange und schmerzhafte Psychotherapien verlangen. Aber auch die Täter verdrängen oft total, was die Rechtsprechung stark behindern kann. Die persönliche Verdrängung spielt auch in der Klimafrage eine grosse Rolle.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Verdrängung und Spaltung die wichtigsten und stärksten psychischen Abwehrmechanismen sind. Ihr letzter Zweck ist die Abwehr der Todesangst. Wie schon die alten Griechen wussten, haben wir an der materiellen, sichtbaren und gut erforschten Welt Teil, aber ebenso an der unsichtbaren, feinen und oft leidenden Welt. Deshalb sehnen wir uns nach starken heldenhaften Figuren, die uns retten könnten, wie der Erfolg eines Harry Potters bis zu Star Wars zeigen. Stärker und nachhaltiger wäre, die in uns schlummernden Kräfte unserer Seele zu entwickeln. Was müssen wir denn über unsere Seele wissen?


Das Wissen über die Seele oder Psyche: Während Kenntnisse über die Seele heute nur noch rudimentär sind, waren sie in der Antike, bei den Hebräern, Griechen und Asiaten weit entwickelt und im Zentrum der Philosophie. Wir fassen zusammen:

1. Die Psyche ist ein Energiefeld, ein immaterielles Doppel

unseres Leibes, das laufend subtile Energie empfängt und aussendet, mit anderen Menschen und der ganzen Welt. Bewusstes Atmen macht sie fühlbar und stärkt sie (griech. psycho = atmen, psyché = Seele).

2. Die Psyche umfasst verschiedene Ebenen, von der Belebung

des Leibes bis zu den höchsten spirituellen Erfahrungen.

3. Diese Ebenen sind der Sitz energetischer Zentren, Chacren

genannt. Die Folge dieser Energiezentren entspricht dem Entwicklungsweg unseres Bewusstseins. Bei Bedrohung können sich gewisse Chacren abspalten: Schizo-phrenie = Spaltung im emotiven Zentrum des Solarplexus (schizo = spalten, phren = Zwerchfell als Sitz der Emotionen).

4. Das Energiefeld kommuniziert mit demjenigen anderer Personen,

was zu einem kollektiven Energiefeld mit Verstärkereffekt führt. Ein Beispiel ist das gemeinsame, bewusste Atmen in einem Meditations- zirkel. Bongartz, ein Konstanzer Psychologe, rät uns daher, jede Stunde mit einigen tiefen Atemzügen den Kontakt mit unserer Seele aufrecht zu erhalten.

Die Seele als psychisches Feld hat seit Jahrtausenden eine Fülle von symbolischen Bildern hervorgebracht. Am bekanntesten ist der Lebensbaum für das Feld und die Schlange für die psychische Energie. Die christliche Tradition hat leider die Kenntnis und die Praxis des Energieaufbaues verlassen, als das Christentum Volks- und Staatsreligion wurde – ausser bei den Mystikerinnen und Mystikern. Die Aufklärung und die Naturwissenschaften haben diesen Kenntnissen den Rest gegeben.

Die Bewusstseinsentwicklung: Schauen wir jetzt, wie die Kenntnisse des Seelischen und das Klimabewusstsein zusammenhängen. Die am Rand des Materiellen forschenden Physiker wie Einstein, Bohm, Heisenberg oder Dürr stellten fest, dass sich Materie in Energie verwandeln kann, was auch für uns Menschen zutrifft. Bohm rät uns daher, die Beschränktheit unseres materiellen Weltbildes durch unsere psychischen Ressourcen, unsere subtilen Energien zu erweitern.

Man hat zum Beispiel nachgewiesen, dass bewusstes Atmen beim Drogenentzug bedeutende Hilfe leistet. Auch für den Klimaschutz lohnt es sich, auf unsere Seele zu horchen, um den materiellen Verzicht durch einen Gewinn an innerer Energie, Zufriedenheit und Lebensqualität zu kompensieren. Der momentane Lustgewinn kann dabei durch anhaltendes Glücksgefühl abgelöst werden. Dies geht nicht ohne innere Arbeit, insbesondere durch Auflösung des Verdrängten. Dies sei den Führern in Politik und Wirtschaft in die Agenda geschrieben, deren einigen eine Tiefentherapie wohl bekommen würde.

Das seelische Gleichgewicht benötigt zudem einen regelmässigen Übungsweg, eine Forderung schon der antiken Philosophen. Nehmen wir uns doch Zeit innezuhalten und tief zu atmen, üben wir uns darin, dass sich unsere Seele regenerieren kann durch regelmässiges Wandern, künstlerische Tätigkeit, Musik, Meditation oder Yoga, je nach Temperament.

Angst und Aggressivität sind schlechte Ratgeber, was die Botschaft einer Greta Thunberg bedrohen könnte. Wie uns die Lerntheorie sagt, sind positive Botschaften nachhaltiger. Nehmen wir Teil an der Begeisterung der Jungen auf der Strasse. Unterstützen wir Ursula van der Leyens grosszügiges europäisches Programm. Seien wir unserer Verursacherrolle bei der heute bedrohlichen Klimasituation bewusst, gehen wir mit unserer inneren Kraft haushälterisch (oikos = Haus!) um, sprechen und handeln wir. Es gibt immer wieder Momente, wo eine Situation von einem bescheidenen Beginn weg plötzlich umschlägt, wie etwa beim Fall der Mauer oder des Apartheidregimes. Zeigen wir uns fähig, unseren ökologischen Fussabdruck zu reduzieren. Vereinigen wir uns zu Gruppierungen verstärkter Solidarität, Kreativität und Kommunikation, wie wir Grosseltern für das Klima gerne sein würden. Dies soll uns Kraft und Hoffnung geben.