Freitag, 20. Januar 2023

NZZ: Klimarebellen wollen massentauglich werden. Kann das funktionieren?

 

 


 

 

 

Neue Perspektiven und Chancen in der globalen Klimadebatte

 

 

 

Im Jahr 2018 stürmte Extinction Rebellion auf die Bildfläche. Die aufsehenerregenden Medien-Stunts der Klimaaktivisten machten sie bei der britischen, bald auch in der europäischen Öffentlichkeit bekannt – und führten zu einer Welle von verwandten und verbandelten Gruppen und Aktionen. Die Bewegung spielt erfolgreich mit theatralischen Auftritten und Kostümen, um Klimaschäden dramatisch zu verkörpern. Ob sie dabei populär oder verschrien waren, hing davon ab, wie man gegenüber den Aktionen eingestellt war.

 

Auch im Jahr 2019 stand Extinction Rebellion regelmässig in den Schlagzeilen. Dann kam die Pandemie, und mit den Lockdowns schwand auch der Einfluss der Klimaaktivisten auf der Strasse. In den vergangenen zwei Jahren gab es neue Aktionen. Gleichzeitig drängen sich neue, radikalere Gruppen, ob «Just Stop Oil» oder «Insulate Britain», mit aufsehenerregenden Stunts in den Vordergrund. Im Januar hat das britische Gründungskapitel von Extinction Rebellion beschlossen, auf Störung des öffentlichen Lebens – man denke an Strassenblockaden – zu verzichten. Die britische Bewegung hat gelernt: Die wenigsten möchten sich an Zäune ketten oder an Böden kleben, auch wenn sie sich um das Klima sorgen.

 

«We quit» – hat sich Extinction Rebellion erschöpft?

 

Bunt und laut: Extinction-Rebellion-Mitglieder denken sich immer wieder neue kreative Aktionen aus.

Reuters

 

 

 

von Kalina Oroschakoff

Klimajournalistin der NZZ

 

Die selbsternannten radikalen Rebellen des britischen Arms von Extinction Rebellion, einer Bewegung, die im pittoresken und wohlsituierten britischen Dorf Stroud gegründet wurde, wollen eine Pause einlegen. Nicht, um aufzuhören. Im Gegenteil. Sie wollen massentauglich werden. Ob das gelingt, ist fraglich. Aber die Entwicklung zeigt, wie schwer es ist für solche und andere aktivistische Bewegungen, das Momentum für die eigene Sache aufrechtzuerhalten.

 

Das Einläuten der neuen Phase wurde aufsehenerregend inszeniert. «We quit», hiess es in der Meldung vom 1. Januar mit dramatischer Überschrift. Bei der Selbstdarstellung ist Extinction Rebellion immer wieder sehr erfolgreich gewesen. Im Wetteifern um die öffentliche Aufmerksamkeit hat sich die Bewegung so für einige Zeit zu einem Darling der Medien gemacht.

 

Die Aktivisten verfolgten dabei drei breit formulierte Ziele. Dazu gehören der Aufruf an die Regierung, Klimarisiken deutlich an- und auszusprechen, die Gründung eines Bürgerrats für Klimapolitik und das Ziel der Klimaneutralität bis 2025 (was völlig unrealistisch ist, das geben auch Beteiligte zu). Heute stehlen neue und radikalere Gruppen wie «Just Stop Oil» oder «Insulate Britain» zunehmend das Rampenlicht von Extinction Rebellion.

 

Auf die eingängige Überschrift folgte eine ausführliche und sehr viel weniger dramatische Erklärung. Vorübergehend werde die Gruppe im neuen Jahr von der öffentlichen Störung als Haupttaktik abrücken. Anstatt Brücken lahmzulegen, Autobahnen zu blockieren oder sich an die Wände von Zügen zu kleben, will man jetzt gezielt den Druck auf Politiker und Unternehmen erhöhen und mit anderen Gruppen, ob aus den Gewerkschaften oder anderswo, einen Schulterschluss versuchen.

 

Die Bewegung will als politischer Akteur konventioneller werden. Man wolle sich die wachsende Unzufriedenheit mit der Regierung in der Bevölkerung zunutze machen, sagt Clare Farrell, eine der Gründerinnen der britischen Bewegung, im Gespräch. Streiks sind in diesen Wochen an der Tagesordnung. Das Ziel sei nun, Bürgerräte ins Leben zu rufen.

 

Blockaden für den Klimaschutz. Aber kommt das auch bei den Leuten an?

Reuters

 

Wo bleibt die Masse?

 

Grund dafür ist wohl, dass sich das Stören als Taktik abgenutzt hat. Anstatt neue Menschen anzuziehen, springen Sympathisanten ab. Für das Selbstverständnis der Organisation ist das problematisch. Mit der Arbeit von Extinction Rebellion seien bisher nicht genügend Leute angesprochen worden, sagt Farrell. Bei Meinungsumfragen stehe die Sorge um das Klima immer ganz oben. «Aber man muss sich dennoch fragen: Wo bleibt die Massenbewegung?»

 

Nicht nur das. Es gab symbolische Etappensiege, etwa als das Parlament einen Klimanotstand ausrief. Aber bei der Durchsetzung der eigentlichen Forderungen war man nicht wirklich erfolgreich. So schreibt die Gruppe selbst: «Obwohl die Alarmglocken für den Klima- und Umweltnotstand laut und deutlich läuten, hat sich nur wenig geändert. Die Emissionen steigen weiter an.»

 

Die Bewegung Extinction Rebellion ist an eine Grenze gestossen. In den Jahren 2018 und 2019 wuchs sie rapide, weltweit waren laut einem Medienbericht mehr als 200 000 Personen dabei. Auch die finanzielle Unterstützung nahm zu – mit Folgen für die Bewegung selbst. Denn: Je grösser man werde, desto schwieriger sei es, es jedem recht zu machen, sagt James Ozden. Er war 2021 Teil einer kleinen Gruppe, welche die Strategie von Extinction Rebellion ausgearbeitet hat. Es werde schwieriger, radikal zu bleiben, sagt er, und diejenigen Leute zu halten, die auf gefährliche Stunts stünden. Gleichzeitig wurden die Störtaktiken damals schon von vielen hinterfragt. Bei Ozden selbst kamen Zweifel auf, ob der Ansatz Erfolg bringen würde. Heute forscht er darüber, welche Kampagnen zünden könnten.

 

Es sei notwendig, den eigenen Ansatz ständig weiterzuentwickeln, heisst es auch im Schreiben vom 1. Januar. Die Bewegung ist zwar bekannt, aber bei vielen unbeliebt geworden. Eine Moderatorin des populären Boulevard-TV-Programms «Good Morning Britain» fasste es Anfang Monat so zusammen: «Störend, zerstörend und einfach unglaublich nervig.» Laut einer Umfrage von Yougov, der Umfrage- und Forschungsgruppe, ist Extinction Rebellion bei 41 Prozent der Befragten unbeliebt; nur 18 Prozent gaben an, die Bewegung zu mögen. Auch die sozialdemokratische Labour-Partei ist keine Freundin. So hat der Parteichef Keir Starmer die Proteste in der Vergangenheit als «kontraproduktiv» bezeichnet, und auch die Gewerkschaften sind keine Verbündeten.

 

 

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Die Politik und die Polizei greifen durch

 

Extinction Rebellion UK plant also in den kommenden Monaten weniger auf Verhaftungen und Strassensperren zu setzen, dafür mehr auf Teilnehmerzahlen. Im April will die Bewegung 100 000 Menschen dazu bringen, vor dem Parlament zu demonstrieren. So viele seien es noch nie gewesen, sagt James Ozden. Es sei der Test, ob Extinction Rebellion ein neues Kapitel aufschlagen könne.

 

Allerdings ist die Zahl viel weniger ambitioniert als noch vor einem Jahr, als von Millionen gesprochen worden war. Das sei nicht überraschend, schreibt Marc Hudson von der Universität Sussex. Radikaler Ökoaktivismus habe einfach eine begrenzte Haltbarkeit. «Die Wahrheit ist doch, dass solche Bewegungen selten mehr als ein paar Jahre überdauern, auch wenn ihre Anliegen noch so dringend sind. Es ist einfach zu schwer, engagierte Aktivisten zu halten», so Hudson, der selbst lange als Aktivist tätig war.

 

Das bestätigt sich auch über Grossbritannien hinaus. Annemarie Botzki von Extinction Rebellion Deutschland ist seit 2019 dabei. Sie sagt, dass es allen «sehr ähnlich» gehe. Viele seien müde. Vier Jahre lang habe es viel Protest, viele kreative Aktionen gegeben, «die Umweltbewegung war auf so einem Hoch 2019. (. . .) Das wurde drastisch gebrochen durch die Pandemie.»

 

Seit deren Ende versuchen Aktivisten zwar, die Bewegung am Laufen zu halten. Aber «natürlich stehen wir jetzt alle vor dem Problem, dass wir neue Leute heranholen müssen», erklärt Botzki. In Deutschland will man an störenden Aktionen festhalten. Man habe jedoch früh auf Kritik reagiert, so Botzki, und Aktionen dorthin verlegt, «wo die Verursacher sind» und nicht die breite Öffentlichkeit belästigt werde.

 

In Deutschland wird gegen die Braunkohle gekämpft, da stossen Aktivisten auch häufig mit der Polizei zusammen.

Imago

 

Gleichzeitig greift die Politik in Grossbritannien stärker durch. Im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz hat die britische Regierung genug von zivilem Ungehorsam. «Wir können und wollen nicht zulassen, dass die Proteste einer kleinen Minderheit das Leben der hart arbeitenden Mehrheit stören», schrieb der konservative Premierminister Rishi Sunak im parteinahen Magazin «Conservative Home» vergangene Woche. «Wir werden dem ein Ende setzen», so Sunak. Laut Plänen, die am Montag vorgestellt wurden, soll es für die Polizei leichter werden, Proteste zu beenden und gar bereits einzugreifen, bevor es überhaupt zu einer Störung kommt. Im Parlament wird über eine Verschärfung des Gesetzes zur öffentlichen Ordnung verhandelt. So soll auch das Sichfestkleben an Gegenständen – eine heute sehr beliebte Handlung unter Klimaaktivisten – explizit als Straftatbestand gelten.

 

Auch wenn Mitglieder von Extinction Rebellion abwiegeln: Das harte Durchgreifen der Politik und die drohenden Verhaftungen und Strafverfahren spielen bei der Entscheidung der Organisation eine Rolle. Für viele potenzielle Mitmacher sei die Aussicht auf Konflikte mit der Polizei abschreckend, sagt auch Marijn van de Geer von Extinction Rebellion UK. Seit einiger Zeit führt diese Debatte auch zu internen Spannungen, etwa darüber, ob sich diese Taktik eigentlich nur privilegierte weisse Mitglieder erlauben können. «Wir brauchen auch diejenigen Menschen, die vielleicht nicht verhaftet werden wollen», sagte van de Geer Anfang des Monats. Verhaftungen hätten eine lange Tradition, aber sie zögen keine neuen Unterstützer an.

 

 

 

Viele Aktivisten kämpfen um Aufmerksamkeit

 

Extinction Rebellion mag der Abstieg im Gerangel um öffentliche Aufmerksamkeit drohen. Dennoch hat die britische Bewegung recht, wenn sie schreibt, dass sich vor vier Jahren wohl niemand den Ruck habe vorstellen können, der seither durch die Klimabewegung gegangen sei.

 

Heute teilt sich Extinction Rebellion mit vielen anderen Gruppen die Bühne. Das reicht von «Fridays for Future», die gewissermassen als Auffangbecken für viele verschiedene Interessen und Strömungen fungiert, bis zu kleineren und radikaleren Abspaltungen, die sich mit lauten und oft disruptiven Aktionen einen Namen machen und auch nicht vor verstärkter Polizeipräsenz zurückschrecken. Im Gegenteil, diese Gruppen fühlen sich dadurch angespornt. Dazu gehören «Just Stop Oil» wie auch «Insulate Britain», die heute die Schlagzeilen dominieren. Teilweise sind diese Gruppen durch Abwanderungen von Extinction Rebellion entstanden und gewachsen. Diejenigen, denen es dort zu harmlos wurde, fanden bei radikaleren Strömungen ein neues Zuhause.

 

Juni 2022 in London: Extinction-Rebellion-Aktivisten protestieren vor dem Energieministerium. Erdöl auf rotem Tuch, die Gruppe spielt häufig mit dramatischen Kostümen und Bildern.

Imago

 

So setzt sich «Insulate Britain», wie es der Name schon verspricht, mithilfe von Autobahnblockaden und Ähnlichem für Gebäudesanierungen ein. In einer Aktion, die weltweit für mediales Aufsehen sorgte, bewarf «Just Stop Oil» das Gemälde «Sonnenblumen» von Vincent van Gogh mit Tomatensuppe. Das macht es für die Aktivisten von Extinction Rebellion schwieriger, mitzuhalten. Die Messlatte für aufsehenerregende Aktionen wird immer höher geschraubt.

 

Die Entscheidung von Extinction Rebellion in Grossbritannien zeigt jedoch auch, dass die Masse mit extremen, gar brutalen Aktionen wohl nicht zu holen ist. Kurzfristig bringt das Schlagzeilen, Aufmerksamkeit und eine aufgeregte Debatte, langfristig bleibt die Unterstützung aus. «Rebellion as usual» – wie es James Ozden nennt – zieht nicht. So ist die Gruppe heute zu gross, um radikal zu sein. Aber noch zu klein, um drastische Veränderungen anzustossen. Im April wird sich wohl zeigen, ob die interessierten Zuschauer, die Extinction Rebellion nun erreichen möchte, auch wirklich den Sprung in die gesittete Rebellion wagen.

 

 

 

 

 

Highlights aus der NZZ zum Klimawandel

 

Exxon ist eines der weltgrössten Erdöl- und Gasunternehmen. Lange hat das Unternehmen die Risiken des Klimawandels heruntergespielt.

Reuters

 

  • Exxon wusste Bescheid: Exxon war sehr früh und ziemlich genau bekannt, welche problematische Wirkung Treibhausgase auf das Klima ausüben. Und tat nichts. Zum Artikel.
  • Die Atomkraft lebt weiter: Die Niederlande wollen zwei neue AKW bauen, Belgien verlängert die Laufzeiten zweier seiner Meiler bis 2035 – trotz grüner Regierungsbeteiligung. Zum Artikel
  • EU setzt auf klimafreundliche Industrie: Brüssel möchte mit einer «Net-Zero Industry Act» auf das amerikanische Klimapaket antworten. Zum Artikel

 

 

 

Highlights aus aller Welt

 

  • ️ Sultan al-Jaber wird im Dezember die Klimakonferenz COP28 leiten. Was fordert er? Unter anderem, die Erzeugung erneuerbarer Energien bis 2030 zu verdreifachen.
  • Die Wärmepumpe ist populär. Im vergangenen Jahr hat sie um 53 Prozent gegenüber 2021 zugelegt, mehr als andere Technologien im deutschen Heizungsmarkt, so die Heizungsindustrie.
  • Finanzinstitute haben laut einem neuen Bericht Milliarden in Erdöl, Erdgas und Kohle gesteckt, obwohl sie sich zu Netto-Null-Klimazielen verpflichtet haben.

 

 

 

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